die ehemals jüdische Familie MARCUS


MARCUS
(eine jüdische Familie in Ladbergen)

Irgendwann, wahrscheinlich angeregt durch eine Fernsehsendung zum Thema, fragte ich meinen Schwiegervater ob es in Ladbergen eigentlich zu Zeiten des Nationalsozialismus Exsesse gegen Mitbürger jüdischem Glaubens gegeben hat? Gab es überhaupt Ladberger Juden?

Mein Schwiegervater war kein Historiker und er war 1927 wohl auch etwas spät geboren, um wirkliche Aussagen zu jüdischen Mitbürgern machen zu können. Dennoch nannte er mir einige Namen, die seiner Kenntnis nach etwas mit jüdischem Leben in Ladbergen zu tun gehabt haben sollten? Genaues wusste er aber nicht. Die Familien Ferlemann, Schröerlücke oder Hollenberg wurden von ihm in diesem Zusammenhang genannt.

So fing ich an "nach jüdischem Leben in Ladbergen zu suchen"...

Ich hoffe dass die hier getätigen Behauptungen einigermaßen richtig sind. Korrekturen und Anregungen werden aber sehr gerne entgegengenommen!


Im Februar 1848 erstellt der Ladberger Amtmann Springmeier ein

"Verzeichniß sämtlicher Mitglieder der Synagogengemeinde Lengerich aus dem Amte Ladbergen":

  • Witwe Lisette Marcus
  • Hermann Marcus, 24 Jahre alt
  • Joseph Marcus, 21 Jahre alt
  • Jacob Marcus, 19 Jahre alt
  • Abraham Marcus, 15 Jahre alt
  • Fried. Wilh. Levi Marcus, 13 Jahre alt

Die Witwe Lisette Marcus (1792-1848) war die in Burgsteinfurt geborene Sarche oder Sara, Tochter des "Herz Benjamin".

Durch Napoleons Gesetzgebung wurde Saras Vorname "verchristlicht" und zu Lisette geändert.

Die von Springmeier weiter genannten fünf männmlichen Personen waren Lisettes noch unverheirateten Söhne.

Das Grab von Lisette Hirsch befindet sich auf dem Lengericher Judenfriedhof, direkt neben dem Eingangstor-rechts. (Quelle: Geschichte der Juden in Lengerich, Seite 117)

Am 19. April 1814 war Lisette Herz aus Burgsteinfurt die zweite Ehefrau des Ladberger Juden und Handelsmannes Samuel Marcus (1778-1844) geworden.

Neben Lisettes Eltern, dem Handelsmann Herz Benjamin und dessen Frau Nette Erin (an anderer Stelle: "Nelle Levy") aus Burgsteinfurt, unterschrieben als Trauzeugen auch Johanna Salomon, Rudolph Middendorf,  Adolf Heinking, Wilm Möller und Adolph Kipp.

Ich vermute eine verwandtschaftliche Verbindung, zur Familie "Herz-Kesseler" aus Burgsteinfurt, kann diese aber in keinster Weise beweisen! Ich würde mich freuen, wenn mir hier jemand helfen könnte! Der Kaufmann August Herz (1875-1946) stammt ursprünglich aus Bochum, seine Frau, Lotte geb. Kappesser (*1895) wurde in Münster geboren. Willi Feld erarbeitete die Geschichte der Steinfurter Juden und die der Familie "Herz-Kesseler", die während der NS-Zeit Schlimmes erlebten...

Als Sparenberg 1848 sein Verzeichnis der Ladberger Juden erstellte, war Lisette bereits ca. 4 Jahre Witwe.

Am 12. September 1811 hatte der Handelsmann Samuel Marcus aus Reelkirchen im Lippischen bereits die Röschen oder Rösgen Jacob (*1781) aus Sendenhorst geheiratet.

Diese soll aber gem. "Geschichte der Juden in Lengerich" (Dokumentation der Stadt Lengerich), wie die einzige gemeinsame Tochter, in oder um 1813 bereits verstorben sein.

In Ladbergen fand ich leider keinen Hinweis zu Röschens Tod.


1844 starb Samuel Marcus (Qelle: "Geschichte der Juden in Lengerich") 

1846/47 mussten alle Juden im Rahmen der Juden-Emanzipationsgesetzgebung feste Familiennamen annehmen. Sie durften diese Namen frei wählen und waren nicht an alte Namen gebunden. Als bisher rechtlich, religiös und sozial diskriminierte Minderheit sollte die Gesetzgebung den Juden helfen, in die Mitte der Gesellschaft eingegliedert zu werden und Anerkennung als gleichberechtigter Staatsbürger zu finden. 

Am 25. Juli 1846 wurde im Amtsblatt des Regierungsbezirks Münster eine "Liste der von den Juden zu führenden Familiennamen" veröffentlicht.: 

Die Witwe Lisette Marcus wählte für sich und ihre Familie/Nachkommen den bereits vorher geführten Familiennamen "Marcus".


Eine weitere Nennung der Familie am 22. Oktober 1846:

Am Stadt- und Landgericht in Tecklenburg beantragte die Witwe Lisette Marcus eine Abschrift des Testaments ihres verstorbenen Mannes, weil das abgebrannte Haus in Ladbergen wieder aufgebaut werden sollte.

Gem. der Informationen der Lengericher Dokumentation müsste Samuel Marcus in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1844 verstorben sein.

Seine Frau folgte ihm 1848 in die Ewigkeit. Sie wurde auf dem Lengericher Judenfriedof bestattet. Noch heute kann man ihr Grabstelle gleich rechts neben dem Eingang finden.

Wiederum der Lengericher Judendokumentation ist zu entnehmen, dass die Kinder Jette, Marcus, Moses und Johanna in Springmeiers Liste nicht genannt wurden.

Entweder waren sie nicht mehr zum Haushalt gehörig oder sie waren bereits verstorben?

Nach ihrem Tod der Eltern (1844 und 1848) ließen sich vier Söhne christlich taufen:

Das war für die Synagogengemeinde Lengerich und auch für die umliegenden jüdischen Gemeinden etwas ganz besonderes! Vier Söhne des Ehepaares Marcus - Herz ließen sich christlich taufen, um heimische, aber eben christliche junge Frauen zu heiraten:

  • Am 28.10.1849 wurden getauft.
    • Gustav Heinrich Hermann Marcus (*1823); er wanderte mit seiner Frau (Christine Elisabeth "Elise" Wierwille (*01.03.1827/Ladbergen) und zwei Sohnen (geboren 1849 und 1852 in Ladbergen) in die USA aus. Die Familie
    • Heinrich Wilhelm Joseph Marcus (1826-1893) heiratete
      • am 25.11.1849 in 1. Ehe Friederike Wilhelmine Miethenkorte (1824-1854) (3 Töchter, 1 Sohn)
      • am 30.03.1855 in 2. Ehe Friederike Christine Vennehermann (1826-1892) (4 Töchter, 3 Söhne) Die Familie/n
  • Am 26.09.1855 wurde getauft:
    • Friedrich Wilhelm Levi Marcus (*1834); 
      • am 09.05.1858 Catharina Elisabeth Wiethoff (1825-1866; 3 Söhne)
      • am 05.07.1867 Wilhelmine Elisabeth Krützmann (aus Lengerich?) (3 Söhne); ausgewandert in die USA. Die Familie
      •  
  • Am 13.01.1857 wurde getauft:
    • Friedrich Wilhelm Jacob Marcus (*1828); mit Frau (Friederike Sophie Elisabeth Peters (*17.02.1822/Ladbergen) und Familie in die USA ausgewandert. Die Familie

Bemerkung zu den Registrierungen der Mutter der Täuflinge in den Ladberger Kirchenbüchern. Die bereits verstorbene Mutter wurde registriert:

  • bei den zwei Taufen von 1849 als Lisette Herz und
  • bei den Taufen von 1855 und 1857 als Lisette Herz (Hirsch)